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Als Exot in der digitalen Welt

Dieser Text von mir wurde als Kolumne in der „Handelszeitung“ veröffentlicht

Als Exot in der digitalen Welt

Ich bin gerne unter Menschen. Auch auf Netzwerktreffen.
Es ist interessant für mich andere Geschichten zu hören und in andere Branchen zu schauen.
Und nach der Begrüssung folgt unweigerlich die Frage: Was machst denn du?
Ich bin Buchrestauratorin und Buchbinderin.
Ach… das gibts noch?
Ja. Das gibts noch.
Oh wie spannend. Dann schaffst du noch so richtig mit Papier und so?
Ja genau.

Ich bin also im Laufe der Jahre immer mehr ein Exot in der Arbeitswelt geworden.
Jemand, der eine kleine Nische besetzt, der zu einer aussterbenden Rasse gehört.
Es hat mich lange Zeit traurig gemacht, zu sehen, wie mein Berufzweig, den ich so sehr liebe, immer weiter schrumpft und zu einer Randerscheinung wird. Früher hatte ich eine recht grosse
Firma, jetzt schaffe ich nur noch allein.
Wie gehen wir damit um, wenn langsam ein Beruf zu sterben droht?
Man kann sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Man kann jammern und auf die böse Welt schimpfen.
Oder man kann beginnen diese kleine Nische immer mehr zu schätzen. Sie hat auch viele Vorteile.
Selten ist ein Auftrag wie der andere.
Ich darf mit schönen und wertvollen Stücken arbeiten.
Meine Kunden sind überwiegend freundliche und herzliche Menschen, die gerne auch
die Geschichte erzählen, die zu dem entsprechenden Buch gehört.
Ich muss nicht feilschen weil ja im Internet alles viel billiger ist.
(Oder hat schon mal jemand ein Restaurierungsangebot für ein zerrissenes Kinderbuch auf chinesisch gesehen?)
Selbst die Präsenz im Internet ist relativ einfach, weil ich mit vielen Bildern arbeiten kann
und nicht mühsam beschreiben muss, was ich alles mache. Bilder sind oft selbsterklärend.
Ich muss nicht herausarbeiten, welches meiner Angebote, sich von den vielen Mitbewerbern unterscheidet. Mein Angebot ist schon der Unterschied.
Ich muss auch nicht mit Düften und anderen Massnahmen Kaufatmosphäre schaffen.
Bei mir riecht es sowieso nach Leim und Leder und die Atmosphäre ergibt sich ganz automatisch.
Ich muss auch nicht vorgestern geliefert haben, wenn heute bestellt ist. Meine Aufträge haben meistens Zeit.

Und dann gibt es noch einen ganz wichtigen Aspekt, der mich positiv in die Zukunft schauen lässt.
In unserer schnellen, digitalen Welt werden wertige, greifbare Dinge wieder wichtiger. Das Kinderbuch von der Oma, die Familienbibel in der 4. Generation, das lederne Tagebuch für den Freund. Ich habe den Eindruck, dass Nischenberufe, wie meiner, nicht so schnell aussterben werden.

Claudia Flade

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